Die Fachcommunity der Informationsberufe braucht eine Open Access-Fachzeitschrift: Wann, wenn nicht jetzt?

(TL;DR) Die Fachcommunity der Informationsberufe zerlegt sich gerade in einen vernetzten und einen weniger vernetzten Teil. Eine Open-Access-Fachzeitschrift mit vielen, verschiedenen Autor*innen und Leser*innen könnte die übergreifende Kommunikation wieder voranbringen. Die „Großen“ (Berufsverbände, etablierte Branchenmedien etc.) bringen eine solche Initiative nicht zustande, dehalb kommt sie jetzt von „unten“ — von mehr als 20 aktiven Autor*innen und Macher*innen aus der Branche, die am 4.6. in Bremen eine solche Zeitschrift gründen wollen.

Seit ich an Bibliotheken arbeite (seit ungefähr zehn Jahren) verfolge ich das, was ich die „‚Vernetzung‘ von Aufmerksamkeit und Engagement“ in dieser Branche nenne. (Hier S. 295 ff., Folien dazu.) Ich meine einfach, dass die traditionelle Art, wie man Neues erfährt oder diskutiert, durch das Internet um einige Alternativen ergänzt worden sind. Alles wird irgendwie individueller und dezentraler.

Es fehlt einem ein Thema in der Handvoll der dominierenden Fachzeitschriften der Branche? Kein Problem, in irgendeinem Blog, notfalls im eigenen, wird man es diskutieren können. Stellenanzeigen wuseln überall herum, und man möchte einen datenbank-mäßigen Überblick für jedermann? Gut, dann programmiert man halt so eine Datenbank und pflegt sie kollaborativ. Man möchte ein neues Thema wie „Forschungsinformationssysteme“ überhaupt erstmal grob überblicken? Man liest einen Wikipedia-Artikel darüber, oder schreibt ihn notfalls selbst.

Was hier aufs erste Hinhören supereinfach klingt, hat allerdings einen goßen Haken. Denn unsere Branche ist innerhalb der letzten zehn Jahre mitnichten zu dieser „vernetzteren“ Art übergegangen, ihr Fachwissen auszutauschen und zu produzieren. Statt dessen, und ich male jetzt bewußt in ganz groben Pinselstrichen, haben wir nun zwei Fachöffentlichkeiten. Die eine nutzt eifrig die neuen Medien, die andere versucht sie eher zu vermeiden. (Lassen wir die Wikipedia mal beiseite; mittels derer orientieren wir uns glaube ich alle, so wie das ja auch 99% aller Wissenschaftler*innen tun.)

Haben wir nun zwei „Generationen“, und die eine versteht null wie die andere tickt? Natürlich nicht. Denn selbstverständlich haben auch die Kolleg*innen, die um Blogs einen Bogen machen,  einsichtige Argumente. Vor allem scheint es mir dieses Argument zu sein:

Mit der großen Dezentralisierung geht eine große Unübersichtlichkeit einher. Natürlich will man am liebsten alles (auch) in Zeitschriften nachlesen können. Nichts ist verständlicher als der Wunsch, alle paar Monate ein Inhaltsverzeichnis überfliegen zu können, und alles, auch die ungelesenen Artikel, sicher im eigenen Regal oder wenigstens in der eigenen Mailbox verstaut zu wissen. Gleiches gilt übrigens für das in unserer Branche verbreitete Bedürfnis nach „Handbüchern“, die versprechen, das aktuelle Wissen zum Themenbereich XY sauber zwischen zwei Buchdeckel zu bündeln.

Dieses Grundbedürfnis nach Zeitschriften und Sammelbänden als Hauptschlagadern der (schriftlichen) Fachöffentlichkeit — kann es im Kontext der „vernetzten“ Fachöffentlichkeit überhaupt befriedigt werden?

Ja, dieses Informationsbedürfnis kann auch im Netz heimisch werden, und ich fände eine Open Access-Fachzeitschrift dafür sehr naheliegend. Spätestens seit der Verbreitung unabhängiger Open Access-Zeitschriften, typischerweise auf Grundlage der Software „Open Journal Systems“, ist deutlich geworden, was damit machbar ist. Für die „vernetzteren“ Kolleg*innen ist eine solche Zeitschrift ein schnelles, einfach zugängliches, verlinkbares Medium. Zugleich jedoch können darin die Artikel strukturiert und einheitlich gestaltet und zu regelmäßig erscheinenden Ausgaben gebündelt werden. Diese können dann (zunächst einmal rein digital) „abonniert“ werden, nicht komplizierter als ein e-Mail-Newsletter.

In den letzten zwei Jahren sind mehrere große Fachmedien unserer Branche relauncht worden, allen voran Bibliotheksdienst sowie Information — Wissenschaft und Praxis (jetzt beide bei de Gruyter). Die Schieflage in unserer Fachöffentlichkeit war zu diesem Zeitpunkt bereits jahrelang breit diskutiert worden. (Ein Beispiel, die Folien dazu.) Doch Open Access, geschweige denn eine ernstgemeinte Nutzung der Möglichkeiten des Mediums Internet, beispielsweise durch schnelles, fortlaufendes Veröffentlichen neuer Artikel? In beiden Fällen Fehlanzeige.

Diese beiden Relaunchs haben eines deutlich gemacht: Das Netz als neuer Informationsraum der Branche spielte hier keine nennenswerte Rolle. Über das Internet reden, auch über „Open Access“ — ja, das gerne. Aber die eigene Kommunikationspraxis weiterzuentwickeln, gar an der Spitze der Weiterentwicklung von Fachmedien mit dabei sein zu wollen — das scheint den Entscheidungsträger*innen unserer Branche nicht gerade unter den Nägeln zu brennen. Übrigens kam auch von den beiden großen bibliothekarischen Berufsverbänden in Deutschland bisher keine einschlägige Initiative.

Was bleibt, ist: Wir nehmen die Sache selbst in die Hand. In den letzten Jahren sind ja bereits diverse Zeitschriften in unserer Branche, auch ohne Berufs- oder Branchenverband im Rücken, auf der Grundlage von Open Access neu gegründet worden. Anscheinend geht das also.

Warum ich glaube, dass wir jetzt noch eine weitere Neugründung benötigen: Wir brauchen ein Medium, dass alle anspricht. Das alle ermutigt, professionelle Erfahrungen festzuhalten, zu diskutieren — sei es mit einem kurzen Artikel über den Einsatz eines neuen Verbuchungssystems in der Stadtbibliothek, sei es mit einem peer-reviewten Aufsatz über die Kultivierung von Informationskompetenz an Bibliotheken und Museen im Vergleich. Von alle und für alle, mit einem breiten Spektrum von Formen und Inhalten.

Mehr als zwanzig aktive Autor*innen und Macher*innen unserer Branche wollen sich am 4.6.2014, am Rande des „Bibliothekartags“, in Bremen treffen, um gemeinsam loszulegen. Das ist schon mal ermutigend.

Mein Aufruf an alle, die (noch) nicht dabei sind: Geht keine faulen Kompromisse mehr ein!

Ja, die eigene Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift oder einem Sammelband ist was Tolles. Aber gebt euch bitte nicht mehr damit zufrieden, dass ihr euren eigenen Artikel (!) erst 12 Monate oder so nach Erscheinen frei zugänglich machen dürft. Das ist nicht Open Access, sondern das ist ein Witz. Gebt euch nicht mit behaupteter „Qualitätssicherung“ zufrieden, die von einem nachvollziehbaren Peer Review meilenweit entfernt ist. Wartet nicht Monate oder Jahre auf das Erscheinen des Schwerpunkt-Heftes oder Sammelbandes zu eurem Thema, sondern bringt die Diskussion mit eurem Artikel jetzt sofort voran. In einer Branche, die sich gern Kompetenz und Professionalität im Umgang mit Informationen auf die Fahne schreibt, sollten wir wissen, dass es besser geht. Lasst uns gemeinsam herausfinden und zeigen, wie es besser geht!

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